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Landesjugendpfarrer Christian Uhlstein und Nicole M. Gerlach

20 Jahre Engagement gegen Gewalt und Rassismus

„Wir sind hier und wir wollen was bewegen!“ Diese Aussage lag deutlich in der Luft als es am 01.10. in Haus Villigst in Schwerte hieß: „Die Gewalt Akademie Villigst feiert 20. Geburtstag.“ Entstanden aus der praktischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in den Kirchenkreisen, Gemeinden und Verbänden entwickelte sich eine starke Bewegung mit klarem Auftrag: Gewalt immer wieder zum Thema machen. Die Gewalt Akademie ist damals auf die Initiative des Villigster Deeskalationsteams Gewalt und Rassismus im Amt für Jugendarbeit der EKvW gegründet worden und ist dort bis heute organisatorisch eingebunden.

Die Idee zur Gründung der Gewalt Akademie Villigst (GAV) entstand aus der Praxis der Villigster Gewalt- und Rassismus Deeskalationstrainer*innen. Nach den ersten erfolgreichen Ausbildungsgängen in den Jahren 1998 – 2002 entwickelte sich die Notwendigkeit, Wirkungen zu überprüfen, Strukturen zu festigen und zukunftsweisende Arbeitsformen zur Weiterentwicklung, Kooperation und zur Sicherung der Inhalte, Ziele und Methodenrepertoires zu schaffen. Es entstand der Wunsch, im Rahmen der Gewaltdeeskalation und Konfliktbearbeitung die „geistige Heimat Haus Villigst“ zu pflegen, um einerseits Erfahrungen auszutauschen und zu verarbeiten, Frustrationen kreativ zu wenden, und um sich andererseits mit gesellschaftlichen Entwicklungen in den Themenfeldern Gewalt und Rassismus auseinandersetzen zu können.

Die Gründungsversammlung der GAV fand am 7.5.2002 statt. Auf dieser Versammlung wurden Carl-W. Borgstedt, Michael Geringhoff, Nicole Marjo Gerlach Uwe Ihlau, Laines Möller, Dagmar Mrosek, Ralf-Erik Posselt und Bastien Theisen zu anleitenden Lehrtrainer/innen der GAV per Akklamation berufen.

Seitdem ist einiges passiert. Mehrere Tausend Menschen sind zu Villigster Deeskalationstrainer*innen ausgebildet worden und sogar bundesweit wurden unzählige Trainings mit ganz unterschiedlichen inhaltlichen Ausprägungen für diverse Zielgruppen durchgeführt. Qualitativ und inhaltlich hat sich die GAV Jahr für Jahr immer wieder reflektiert, Methoden überarbeitet und das Spektrum erweitert. Gleichgeblieben ist der beherzte Einsatz Gewalt und Rassismus auf der Spur zu bleiben und entschieden dagegen zu arbeiten.

Eines ist auch geblieben – die stetige Frage von außen: „Müsste es nicht eigentlich Anti-Gewalt Akademie heißen?“. Nicole M. Gerlach, derzeitige Koordinatorin des Leitungsteams der GAV, erläutert die bewusste Namensgebung. „Nur weil wir Gewalt vehement genug bei uns und anderen ablehnen, verschwindet sie nicht einfach aus unserem Leben. Sie ist da und irgendwie müssen wir uns dazu verhalten.“ Deshalb, so Gerlach, macht es Sinn Gewalt in persönlichen, sozialen, lokalen wie globalen Bezügen immer wieder neu zu thematisieren. Da es notwendig sei der Reflexion und Auseinandersetzung mit eigener und fremder Gewalt kontinuierlich Zeit und Raum zu geben wurde sie damals gegründet: die Gewalt Akademie, bei der gelernt werden kann, Gewalt zu überwinden und mit Konflikten konstruktiv umzugehen.

„Die Definition was Gewalt und Rassismus ist, geht heute leicht von den Lippen“, so Gerlach in ihrer Begrüßungsansprache, „aber die praktische Umsetzung hin zu einer Kultur des Respekts, Anerkennung und Wertschätzung in den teilnehmenden Institutionen, Schulen und Häuser der offenen Jugendarbeit und damit hinein in die Gesellschaft, ist ein dauerhafter Prozess und ist eine tägliche Übung.“

Und so gehört es bis heute zum Selbstverständnis der GAV Methodenrepertoires, Thematisierungswege und konstruktive Konfliktlösungen zu entwickeln, zu erproben und zu realisieren. So können Menschen jeden Alters selbst herausfinden, welche guten Wege es geben kann und müssen nicht auf Gewalt und Rassismus als scheinbare Lösungsmittel zurückgreifen.  

Gerade die aktuelle Lage, Krieg, Mobilmachung, rechte Parteien in den europäischen Regierungen, rassistisch motivierte gewalttätige Übergriffe sogar mit tödlichen Ausgängen, ist alarmierend. Eine Entwicklung, die sich die Gründer*innen im Jahr 2002 anders vorgestellt hatten.  
„Doch wie behalten wir unsere Kraft weiterzumachen, auch wenn der Berg manchmal zu steil erscheint?“ fragte Nicole M. Gerlach. Ihre Antwort: „Optimismus, um es mit den Worten von Dietrich Bonhoeffer zu sagen! Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern es ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt!“ Und genau deshalb verzweifeln die rund 240 Mitglieder der Gewalt Akademie Villigst nicht, sondern machen trotzig weiter. 

In seinem Grußwort sprach Landesjugendpfarrer Christian Uhlstein davon, dass christlicher Glaube im Sinne der Ursprungsidee und des Wirkens Jesu solche Abwertungen wie Gruppenbezogene Ausgrenzung, Gewalt und Rassismus nicht kennt und sich gegen jede Ideologie der Ungleichwertigkeit wendet.“ Deshalb sei die GAV bei der evangelischen Kirche und besonders im Amt für Jugendarbeit gut untergebracht und befasse sich mit einem Kernstück des christlichen Glaubens.
Gewalt zum Thema zu machen, so Uhlstein, die Möglichkeit zu haben mit allen Sinnen zu begreifen, zu erfahren und zu verstehen, was Sinn macht, Wert hat, als Regel taugt und deshalb für alle gelten soll und kann, das mache jeden Menschen, aber besonders junge Menschen stark und bilde die Persönlichkeit. Im Namen der Landeskirche danke der Landesjugendpfarrer der GAV für ihr ungebrochenes Engagement.

An den Feierlichkeiten in Villigst nahm kein sehr großer, dafür ein sehr aktiver Kreis teil. Ganz im Sinne des ewigen Wissensgewinns bestand der offizielle Teil der Feierlichkeiten zunächst aus einem Fachvortrag von Diplom-Psychologe und Psychologischem Psychotherapeuten Martin Lemme. Anschaulich nahm er die Teilnehmenden mit auf die Reise zum Thema: „Die Kraft der Präsenz – Systemische (Neue) Autorität in Haltung und Handlung.

Im Workshop „Wozu ist das Gut? - Lösungsfokussierung in der Gewaltprävention“ mit Ulf Hecht (Lehrtrainer und Mitglied des Leitungskreises der GAV) wurden anschließend praktische Methoden zur Arbeit mit dem positiven Zukunftsbild im Deeskalationstraining bearbeitet.
Ein zweiter Workshop mit Nicole M. Gerlach thematisierte „Traumasensibles Deeskalationstraining“ mit der Perspektive auf Traumakompetenz als einen Baustein in der Weiterbildung Deeskalationstraining. Dort wurden Methodik und Handlungskompetenz in der Schnittmenge von Traumapädagogik und Deeskalationstraining genauer unter die Lupe genommen.

Nach dem offiziellen Fest-Teil schloss sich die jährliche Mitgliederversammlung an. Auch hier war es deutlich zu spüren und auch zu hören: „Wir haben Lust aktiv zu sein!“. Gemeinsam wurden neue Ideen gesammelt, Pläne geschmiedet und auch kritische Punkte auf den Tisch gebracht. Konkret erbrachte die Aussprache beispielsweise, dass alle Mitglieder als Gast stets an den Treffen des Leitungskreises teilnehmen können und die Ausbildungsgruppe Nord (Hamburg) reaktiviert wird.

Wer die GAV kennt weiß, dass es dort auch heißt: „Wo gearbeitet wird, darf auch gefeiert werden“ und so wurde der Abend mit der anschließenden Party gebührend abgerundet.

Agil und dynamisch – so präsentierte sich die Gewalt Akademie an diesem ersten Samstag im Oktober – eben jung und frisch, wie es im Alter von 20 Jahren zu erwarten ist. Die Fortsetzung wird mit Freuden erwartet.

Vormerken können sich alle interessierten Mitglieder schon mal den Termin für das Dinner 2023 am 03.02.23 in Haus Villigst. Dort wird es neben der Zertifizierung der neuen Trainer*innen nun auch Workshopangebote zum fachlichen Austausch geben.

 

 

  • Landesjugendpfarrer Christian Uhlstein und Nicole M. Gerlach
  • Im Workshop
  • Ulf Hecht zu Lösungsfokussierung
  • Einen großen Dank an Gudrun Kirchhoff, die die GAV seit Jahren im Office unterstützt.
  • Martin Lemme bei seinem Vortrag zur Präsenz.

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