Hauptvorlage Familie

Das Thema Familie wird in unserer Kirche breit und kontrovers diskutiert. Diese Diskussion findest Du auf der Seite familien-heute 

Hier findest Du den Beschluss der Jugendkammer der EKvW vom 13.09.2013 zur Hauptvorlage zum Download (pdf).

Hier die Einführung zur Eröffnung des Themas Hauptvorlage und Jugendarbeit in der Jugendkammer am 7.12.2012

Familie und Jugend - Together towards life!

Die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Familienfragen deren Vorstandsmitglied ich für die evangelische Jugend von Westfalen bin, hat vor ein paar Jahren einen Neuanfang gemacht um das Thema Familie in Westfalen auf die Tagesordnung der Landeskirche zu setzen. Wir haben von Anbeginn gesagt, dass für dieses Thema ein mehrjähriger Such- und Beratungsprozess notwendig sei, der ausgeht von den wirklichen Familien. Kirchenleitung und Synode haben sich dem angeschlossen. I: Familienbilder und Familienwirklichkeit – die Hauptvorlage Familie “Sehr viele Menschen sind nicht einverstanden mit den vielen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und der Unsinnigkeit unserer ökonomischen Ordnung. Doch sie rühren sich nicht. Sie sind gelähmt. Aber lesen wir von solcher Lähmung nicht schon im Neuen Testament? Da kommt einer und sagt: Steh auf und wandle! Wäre es also nicht gerade Aufgabe der Kirche, ein entschiedenes Wort gegen die Lähmung zu sagen?“ (Michael Jäger, im Artikel Ohne Angst leben – Publik Forum 22 2012, s.31 – Jäger war Atheist und fand über eine kritische Auseinandersetzung mit dem Christentum zum Glauben.) Bei einem Gespräch nach einem Jugendgottesdienst fragte ich: Was sagen Eure Jugendlichen zum Thema: Klima? – Der Kollege antwortete: Sie sagen: Gut dass es den Klimawandel gibt, da haben wir es nicht mehr so weit zum Meer! Das ist Lähmung – Zynismus. Diese Jugendlichen haben keine Erfahrung, keine Hoffnung, dass sie daran etwas ändern können. Was haben diese Worte mit dem Thema der Hauptvorlage Familie zu tun? Ich erinnere noch einmal an die Bibel und nehme den Gedanken von Michael Jäger auf: Gelähmt waren die Menschen im Neuen Testament! Gebannt! Machtlos und kraftlos! Ihre Erfahrung entsprach der Prophezeiung des Profeten Maleachi: „Wenn sich nicht die Väter der Söhne erbarmen und die Söhne der Väter erbarmen, dann werde ich den Profeten Elia senden, auf dass er das Land mit dem Bann schlage.“ Heute können wir nicht mehr nur von Vätern und Söhnen sprechen. Heute sind Väter und Mütter, Söhne und Töchter angesprochen von der Profezeiung auf die das Neue Testament antwortet. Die Evangelische Jugend hat in ihren empirischen Untersuchungen „Realität und Reichweite evangelischer Jugendarbeit“ und „Spiritualität von Jugendlichen - Pilotstudie“ nachgewiesen, dass die Familie und insbesondere die Mutter, auch der Vater, eine sehr grosse Bedeutung für Jugendliche heute haben. Sie sind sehr wichtige Vertrauenspersonen in einer Zeit grosser Verunsicherung. Gleichzeitig sind aber diese Familien heute sehr zerbrechlich! (Scheidungen, Mißbrauch etc.). Jägers Erfahrung der Lähmung und der Zerbrechlichkeit wird alltäglich bestätigt durch die wachsenden finanziellen Ausgaben für Reparaturen. Beispiel: In meiner Stadt Gladbeck wurde der Haushalt für Jugendarbeit in den letzten Jahren drastisch gekürzt und gleichzeitig muss der Rat die Ausgaben für Beratung, etc. auf schwindelerregende 15 Mio€ erhöhen– mit steigender Tendenz. Offenkundig wird Geld für Jugendarbeit als nicht notwendige Kosten gesehen, nicht als Investition und Kredit für das zukünftige Leben. Die Kampagne „Mit Kindern neu anfangen!“ unserer Kirche zeigt, ebenso wie die zahllosen Fernsehsendungen und Thematisierungen in Wissenschaft und Medien und Politik, dass Familie als Grundinstitution der gesellschaftlichen Erneuerung selber der Erneuerung bedarf. Auf diesen angedeuteten Hintergründen hat unsere Landessynode die Familie zum gemeinsamen Thema unserer Kirche bestimmt. Das nennen wir eine Hauptvorlage. Ich bin sehr froh, dass die Landessynode sich für diesen Beratungsprozess darauf eingelassen hat, die gegenwärtige Wirklichkeit zum Ausgangspunkt zu wählen. Die Vielfalt des Zusammenlebens der Generationen und Geschlechter wird wahrgenommen. Theologisch folgt sie damit Paulus und Jesus, die die Gegenwart in ihr Recht vor Vergangenheit und Zukunft eingesetzt haben. Glaube, Hoffnung, Liebe –diese drei. Aber die Liebe ist die Grösste unter ihnen. Wir finden in der Hauptvorlage den Versuch, diese Vielfalt des wirklichen Lebens der Familien heute zu beschreiben. Was aber ist Familie in dieser Vielfalt? Wie kann das Zusammenleben von Geschlechtern und Generationen gelebt werden in unserer heutigen Zeit? Welche Bedeutung hat Familie für Jugendliche und wie wird das gestaltet? In drei Bildern will ich holzschnittartig die Spanne der in unserer Kirche vorhandenen vorhandenen Familienbilder benennen: Bild I: Friedrich Schiller schuf im Lied von der Glocke das bürgerliche Familienbild des 19.Jahrhunderts: „…. Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben, Muß wirken und streben Und pflanzen und schaffen, Erlisten, erraffen, Muß wetten und wagen, Das Glück zu erjagen. Da strömet herbei die unendliche Gabe, Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe, Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus, Und drinnen waltet Die züchtige Hausfrau Die Mutter der Kinder, Und herrschet weise Im häuslichen Kreise, Und lehret die Mädchen Und wehret den Knaben, Und reget ohn Ende Die fleißigen Hände, Und mehrt den Gewinn Mit ordnendem Sinn, Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden, Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden, Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein Die schimmernde Wolle, den schneeigen Lein, Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer, Und ruhet nimmer. Und der Vater mit frohem Blick Von des Hauses weitschauendem Giebel Überzählet sein blühend Glück, ….. Fest, wie der Erde Grund, Gegen des Unglücks Macht Steh mir des Hauses Pracht! – Doch mit des Geschickes Mächten Ist kein ewiger Bund zu flechten, Und das Unglück schreitet schnell. …………………. Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis; Ehrt den König seine Würde, Ehret uns der Hände Fleiß…“ Nur noch wenige von uns leben in solchen lokalen Haushalten. Die meisten Erwachsenen, Männer und Frauen, sind Angestellte und Arbeiter im Haushalt der globalen Ökonomie. Der bestimmt unser Leben – nicht die Leistung der Eltern. Bild II: In den Weihnachtskrippen überall in Westfalen finden wir die Heilige Familie von Vater-Mutter-Kind. Ich denke mir: Wir sind aber nicht heilig, sondern Väter-Mütter-Söhne-Töchter. In der heiligen Familie fehlen die Mädchen und die Jugendlichen. Das Bild III ist die Patchworkfamilie und oftmals die Überzeugung: Anything goes?! Wenn es die Teilnehmenden so wollen! Familie als Verhandlungsergebnis von Individuen. In vielen modernen Familien, so konnte ich in langjähriger Arbeit mit Vätern und Kindern feststellen, ist die „vaterlose Gesellschaft“ (A.Mitscherlich) praktische Wirklichkeit geworden: „Ich bin der Jürgen für meine Tochter seit sie geboren ist.“ „Wenn wir in der Badewanne liegen spielt sie mit meinem Penis!“- Er deutete es als Freiheitliches Leben. Liegt darin nicht aber eine Wurzel der sexuellen Übergriffe? 3 Bilder - Bürgerliche Familie – Heilige Familie – Patchworkfamilie Wir nehmen in diesen Bildern/Vorstellungen eine weite Spanne wahr, in der heute Menschen suchen, wie Männer und Frauen und Kinder verschiedener Lebensalter zusammenleben. Ich frage: Zeichnet diese Spanne nicht ein Bild zwischen Dekadenz und Anarchie, der unbestimmten Vielheit – also ein Bild der Kraftlosigkeit unsere Zukunft anzusagen und unsere Beziehungen zu gestalten? Ich höre Dietrich Bonhoeffer in diesem Kontext: „Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie die nächste Generation weiterleben soll.“ Der Weg unserer Kirche mit dem Thema Altpräses Alfred Buss hat für diesen Hauptvorlageprozess eine grundlegende erste Definition vorgeschlagen. Sie beschreibt den gemeinsamen Ausgangspunkt der Verständigung in unserer Kirche darüber, was Familie heute ist: „Familie ist da, wo Menschen dauerhaft und generationenübergreifend persönlich füreinander einstehen und Verantwortung übernehmen.“ (HV s.11) Die darin angesprochene Erfahrung, dass Mütter und Väter und Geschwister dauerhaft füreinander einstehen, scheint mir die empirische Grundlage für die Bedeutung der Familie auch für die Jugendlichen, wie sie aus unseren Untersuchungen hervorgeht. Dies gilt trotz der vielen Trennungserfahrungen. Unsere Kirche stellt jetzt diese Vielfalt unter dieser Familiendefinition zur Diskussion in allen Kirchenkreisen und allen Einrichtungen. Bis zum Sommer 2013 soll in allen Gliederungen unserer Kirche und in der Gesellschaft diese Hauptvorlage beraten werden. Auch die Evangelische Jugend ist herausgefordert dabei mitzusprechen. Die Bedeutung der Familie für die Jugendlichen nach unseren eigenen Untersuchungen macht diese Beteiligung sehr notwendig, denn kommt nicht auch in unserer Arbeit Familie nur als Thema der Kinderzeit vor? II: Kritik: Nachdem ich die Vorlage gelobt habe, muß ich an dieser Stelle aus der Sicht der Jugendarbeit Kritik üben: Die Hauptvorlage stellt die Vielfalt der Familien heute dar – jedoch scheint Familie mit dem Ende der Kindheit aufzuhören. Nur wenige Stichworte nennen das Lebensalter Jugend. Wirkt hier die Heilige Familie nach, die in der Adventszeit landauf landab in den Krippenausstellungen zu sehen ist: Vater-Mutter-Kind? Dass die Beziehungen der Generationen und Geschlechter unter dem Aspekt Jugend auch zu beraten sind, ist im Schlußtext leider herausgefallen. Dabei hat doch das Jugendalter gravierende Veränderungen erfahren gegenüber dem Bild, wie es in der Glocke dargestellt wurde. Generation Praktikum, Jugendalter bis zum 25. oder 30.Lebensjahr, die Kulturrevolution der Medien… uvm. Die Herausforderungen für Jugendliche in unserer Zeit müssen deshalb im Hauptvorlageprozess wahrgenommen werden. Jugend ist Gegenwart – nicht Zukunft. Jugendliche fragen zu Recht danach, welche Perspektiven das Leben für sie bereithält – individuell und als Gattung in der weltweiten Gesellschaft. Wenn unsere Jugendlichen soviel Hoffnung auf Familie setzen, dann müssen wir daran mitarbeiten, dass diese Hoffnungen nicht enttäuscht werden. Ich schlage deshalb vor, dass wir uns aktiv in diesen Prozess einbringen und den Kirchenkreisen bei ihren Beratungen dazu verhelfen, dass die Fragen von Jugendlichen an Familie nicht überhört werden. Wer mit Kindern neu anfangen will! Der muss mit Jugendlichen weitermachen! These: Die Familienbeziehungen sind nicht Natur und unverletzlich. Zukunftsfähige Arbeit mit Kindern und Jugendlichen muß sich an der Gestaltung der Familienbeziehungen im Sinne des Wortes von Maleachi und des Neuen Testamentes beteiligen. Die Hauptvorlage stellt Jugendarbeit also vor die Herausforderung sich auf die Suche zu begeben nach gemeinsamer Sprache mit den vorhergehenden Generationen um der Zukunft des Lebens willen. Eine Geschichte zur Illustration: In der Zeit der Friedensbewegung 1983 fuhren Mitglieder in die USA um dort von den Ängsten der Menschen in Europa vor den Verteidigungswaffen zu berichten, die unsere Vernichtung einkalkulierten. Nach einem Gespräch in einer Schule in Ohio fragte die Lehrerin die Klasse: „Wer von euch glaubt, dass es bald einen Atomkrieg geben wird?“ Von 35 Kindern antworteten 34: „Ja, Frau Lehrerin“ Sie fragte das einzige Kind, das nicht zugestimmt hatte: „Und was glaubst Du Sarah?“ Sarah antwortete: „Meine Eltern kämpfen für den Frieden! Ich glaube, sie werden gewinnen!“ III: Was tun? Ich schlage vor, dass die Evangelische Jugend von Westfalen 1. in diesen Hauptvorlageprozess einen weiteren Begriff der Familie einbringt, der das Jugendalter einschließt, um die Bürgerliche Familie, die Heilige Familie des 19.Jahrhunderts und die namenlose Vielheit zu überwinden: „Die normale Familie, die natürliche, die weltliche Familie, die Familie, in der Sie und ich aufwachsen … ist … die Gruppe, in der ein Kind zur Mündigkeit heranwächst. Diese Gruppe, in der Menschen zur Mündigkeit heranwachsen, muss in diese Menschen die Sprache von zwei Generationen und zwei Geschlechtern hineinsprechen. Sonst kann das Kind nicht mündig werden. Ein mündiger Mensch ist nämlich ein Mensch, der die Stimme seiner Mutter, die Stimme seines Vaters, die Stimme seiner Schwester und die eigene Stimme vernehmen kann und in dem diese Stimmen sich miteinander unterhalten können. Wenn ein Mensch nicht diese Stimmen hören kann, dann hat er nach dem Wortlaut unserer Gesetze keine Zurechnungsfähigkeit. Weil er die Gegenvorstellungen nicht auf sich wirken lassen kann.“ 2. anerkennt, dass Jugendliche heute nicht mehr mehrheitlich vor der Frage stehen, wie erlange ich Freiheit von einer übermächtigen Vergangenheit, sondern nach Orientierung fragen in einer „Müdigkeitsgesellschaft“ – so der aktuelle Weltbestseller des Philosophen Chul Han(Berlin)- und offenkundiger Bedrohung des Lebens durch den herrschenden Lebensstil und unsere Ökonomie. 3. sich in diesem Prozess daran erinnert, dass der Heilige Geist biblisch niemals der Geist einer Generation ist. Er verkörpert den gemeinsamen Geist mindestens zweier Generationen. Der Gott der Bibel ist der Gott Abrahams-Isaaks und Jakobs, nicht der der Väter oder der Söhne allein. Er ist kein Zeitgeist. 4. in der Dekade die Chance sieht, die mit dem Ansatz der Definition von Alfred Buß in der gegenwärtigen Realität besteht: Der Sozialraum der Jugendliche im planetarischen Horizont kann und muss wahrgenommen werden als Wirklichkeit des Lebens von Jugendlichen und ihren Familien. Darin muss mit den Familien die Begleitung der Jugendlichen auf dem Weg zur Mündigkeit persönlich gestaltet werden. 5. dazu beiträgt, dass Eltern und die Lebensfragen von Jugendlichen ernstnehmen als Frage an sie – jetzt glaubwürdig Ermöglicher zu sein! Auf einem Worldcafe 2011, bei dem Jugendliche und Erwachsene ins Gespräch gekommen waren, sagten beide übereinstimmend: „Wir haben gefühlte 200 Jahre nicht miteinander gesprochen!“ In allem dürfen wir die biblische Verheissung hören, die neu im Titel der Beschlußvorlage für die Weltkonferenz der Kirchen im Ökumenischen Rat 2013 erklingt: Together towards life – Zusammen werden wir Leben haben! Dezember 2012, Thomas Dreessen

Ansprechpartner im Amt für Jugendarbeit der EKvW

Thomas Dreessen
Tel. 02304 - 755 - 182
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Gudrun Kirchhoff

Monika Kahl
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Fax 0 23 04 -755-248
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