Jahresplakat

Jahresplakat 2023 - "Du bist ein Gott, der mich sieht"

Hintergrund

"Wo kommst du her und wo willst du hin?" 
Zum Hintergrund der Jahreslosung 2023 

Gedemütigt flieht sie. Mit niemandem möchte sie mehr zu tun haben. Immer weiter in die Wüste, - bis sie an eine Quelle kommt. Sie ist allein. Das Gesicht vermutlich schmerzverzerrt, so wie bei einigen der Kinder und Jugendlichen, die auf dem Jahresplakat des Amtes für Jugendarbeit der Ev. Kirche von Westfalen zu sehen sind. Diese spiegeln sich auf der grün-gelben Iris, die das dunkle Schwarz der Pupille umgibt.  

In ihrer Not wird sie - die Rede ist von Hagar, der Magd Saras - vom Engel Gottes, der sie sucht, gefunden. Und sie erfährt in ihrer bedrückenden Lage Wegbegleitung. Der Engel spricht zu ihr: "Wo kommst du her und wo willst du hin?" Hagar erzählt ihm ihre Geschichte: Vor Sara sei sie geflohen. Als Leihmutter für ihre unfruchtbare Herrin und deren Mann Abraham hätte sie einspringen sollen. Doch dann eskalierte die Lage. Sara sei wohl eifersüchtig geworden und sie, Hagar, hätte keine andere Perspektive als eine Flucht gesehen.  

Der Engel hat eine schwere Botschaft: "Kehre um zu der, die dich demütigt". Dieser Rat wird ihr (Über)leben sichern. Zugleich überbringt er aber auch eine Verheißung: "Ich will deine Nachkommen mehren. Du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären". 

Hagar ist nicht allein in ihrer Not, sie wird gesehen. Und sie wird in die Lage versetzt, ihre Situation zu deuten und eine langfristigere Perspektive zu erkennen, als es ihr zuvor alleine möglich war. Dieses Erlebnis verändert ihre Gottesbeziehung, denn sie hat für sich etwas über das Wesen Gottes erkannt. Als erste Person in den biblischen Schriften nennt sie Gott beim Namen: "El Roi - Du bist ein Gott, der mich sieht".  

Kinder und Jugendliche wachsen zurzeit unter dem Eindruck einer neuen Krisenrealität auf. Der öffentliche Blick richtet sich auf die Themen dieser Zeit: Ukrainekrieg, Coronapandemie, Energiekrise, etc… . Krisen gab es schon immer, selten waren sie - zumindest in den letzten Jahrzehnten -  für junge Menschen schon im Alltag so spürbar wie zuletzt. Die Jahreslosung 2023 lädt ein, inmitten von Krisen sich bewusst zu machen, dass wir nicht allein sind. Dass wir Begleitung von dem einen erfahren dürfen, der für viele unerwartet immer wieder die menschlichen Wege kreuzt.  
 
Hagar erfährt dies auf ihrer Flucht in der Wüste, als Gott sie anspricht. Sie weiß sich gesehen, wo sie es nicht erwartet hat. Dieses Erlebnis macht sie fähig, ihren Weg wieder zurück ins Leben zu finden.  

Dieses Sehen und Gesehenwerden ist anders als auf den roten Teppichen z. B. bei Filmfestspielen. Dieses Miteinander ist echte, wiederbelebende Begegnung auf Augenhöhe.  
 
"Wo kommst du her und wo willst du hin?", wird Hagar gefragt. Diese Frage ist auch eine gute Bilanzfrage zum Jahreswechsel. Wo komme ich her? Wo will ich hin?  
Eine gute Ergänzung sind vielleicht die Fragen: "Wer ist dabei, wenn ich lache oder weine, juble oder vor Schmerz schreie? Wer sieht mich, wenn ich nach Antworten auf die Fragen des Lebens suche?" 

Nicht gesehen zu werden, ist ein großes Thema in vielen Lebensläufen mit traurigem Verlauf.?Umso ermutigender ist die Geschichte von Hagar, die deutlich macht, dass Gott den Hilferuf seiner Menschen hört und sie durch Freud und Leid ihres Lebens begleitet.  

 

Christian Uhlstein, Landesjugendpfarrer der EKvW 

Psalm 139, 1-14 

HERR, du erforschest mich und kennest mich. 

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. 

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. 

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wüsstest. 

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. 

Als Andachtsanregung eine Meditation aus der Sicht Hagars

"Du bist ein Gott, der mich sieht" (Genesis 16, 13) 

Eine Meditation zur Jahreslosung 2023 
 

Nicht gesehen zu werden, ist ein großes Thema in vielen Lebensläufen mit traurigem Verlauf.? 
Umso ermutigender ist die Geschichte von Hagar, die deutlich macht,  
dass Gott den Hilferuf seiner Menschen hört und sie durch alle Etappen ihres Lebens begleitet.  

 
Ägypten, Sinai, Kanaan,  2000 Jahre B.C.  

Ich bin Hagar und lebte als Kind in Ägypten. Meine Familie ist arm, deshalb musste ich bereits früh arbeiten.  

Als eine reiche, hebräische Nomadenfamilie mit ihren Schafen und Ziegen vorbeizog, fand ich dort einen Arbeitsplatz als Magd  
und machte mich mit ihnen auf die Reise über die im Winter grünen Steppen des warmen Sinais. Im Sommer zogen wir weiter zu den Weidelandschaften Kanaans.  
In meiner neuen Umgebung ging es mir zunächst gut. Am Tag gab es zwar viel Arbeit, aber an den Abenden saßen wir an den Lagerfeuern und hörten auf die Geschichten, die die Alten erzählten. Das Oberhaupt der Familie - Abram -  war ein gerechter Mann. Er behandelte seine Viehtreiber gut.  

Als Magd arbeitete ich mit und sorgte mich um alles, was nötig war. Das ging 10 Jahre so und wir lebten inzwischen im Land Kanaan zwischen dem Mittelmeer  
und dem Toten Meer. 

Abrams Frau Sara war manchmal traurig, - sie hatte kein Kind bekommen und war nun schon über das Alter hinaus, in dem Frauen gebären. 

Eines Tages kamen die beiden auf mich zu: Wie du weißt haben wir keine Nachkommen. Wir wollen, dass du Leihmutter für uns wirst.  

Obwohl es sich erst für mich komisch anfühlte, hatte es auch eine schöne Seite: Ich war nun von Bedeutung.  

Ich war nicht mehr irgendeine Magd. Ich war nun DIE Magd im Hause, über die alle sprachen und die von den anderen sogar beneidet wurde. 

Und: Ich hatte auch die Aufmerksamkeit Abrams, der sich nach meinem Wohlergehen erkundigte. 

Ich war nun sozusagen die zweite Frau im Haus. Als ich dann tatsächlich schwanger wurde, konnte ich gar nicht mehr aufhören, zu grinsen.  

"Von der Magd zur Mutter des Stammhalters eines der angesehensten Menschen in den vielen Gebieten, durch die wir zogen. Wenn das meine Familie wüsste…" 
 

Doch schon bald bemerkte ich die Kehrseite meines neuen Lebens: Sara wurde eifersüchtig.  
Vielleicht hatte ich meinen Stolz auch zu sehr zur Schau gestellt, aber warum sollte ich mich verstecken? 

Es wurde immer schlimmer. Sie ging mir aus dem Weg und stritt sich mit Abram über mich, das konnte ich durch die Zeltwände hören. Sara schrie: »Jetzt, wo Hagar weiß, dass sie schwanger ist, verachtet sie mich – dabei war ich es, die sie dir überlassen hat! Du bist schuld, dass ich jetzt so gedemütigt werde." Darauf sagte Abram nur »Sie ist dein Eigentum«, »ich lasse dir freie Hand – mach mit ihr, was du willst!« 

Lange weinte ich in dieser Nacht vor Furcht und Scham. Dann lief ich davon, immer weiter in die Steppe, nur weit weg … 


An einer Wasserstelle fiel ich zu Boden, trank durstig und hatte alle Hoffnung verloren. 

Dann geschah es: Ein Fremder trat auf mich zu, leuchtend und hell. Die Person sah mich an und sprach:  

»Hagar, du Magd von Sara, woher kommst du und wohin gehst du?« So hatte sich noch nie jemand nach mir erkundigt. 
Ich vertraute diesem Gesandten, ich kann nicht sagen warum, aber ich konnte ihm mein Herz ausschütten und erzählte, dass ich auf der Flucht vor meiner Herrin Sara sei. 

Dieser Engel Gottes, denn ein solcher musste es sein, tröstete mich: "Geh ruhig zu ihr zurück und bleib ihre Magd. Ordne dich unter. Ich werde dir so viele Nachkommen schenken, dass man sie nicht mehr zählen kann! Du bist schwanger und wirst bald einen Sohn bekommen. Nenne ihn Ismael, das heiß ›Gott hört‹, denn der HERR hat gehört, wie du gelitten hast."  


Inmitten meiner Einsamkeit war ich nun doch nicht mehr allein. Da war jemand mit einem Rat, ja sogar mit einer Verheißung für mein Leben: Ich werde Stammmutter einer großen Nachkommenschaft. Hier in der Steppe würde ich ja nicht überleben können. Auch wenn Sara nun nichts mehr mit mir zu tun haben will, weiß ich, dass jemand anderes mich kennt und sieht. Er hat mich durch seinen Engel mit Namen angesprochen und mich an der Wasserquelle gesehen. 

Ich werden dem Brunnen hier einem Namen geben: "Brunnen, des Lebendigen, der mich sieht." 

Und ich werde diesem Gott, der mich nicht alleine in meiner Not ließ, einen Namen geben. In der Sprache der Hebräer: El Roi - Du bist ein Gott, der mich sieht! 


Ich bin Hagar. Das bedeutet: "Die Fremde". Doch in der Fremde habe ich unerwartet eine kostbare, lebensspendende und frohmachende Nähe erfahren. Gott selbst hat nach dem Rechten geschaut.  

 

Psalm 139, 1-14 

HERR, du erforschest mich und kennest mich. 

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. 

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. 

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wüsstest. 

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. 

 

Christian Uhlstein, Landesjugendpfarrer der EKvW 

Andacht: Wenn ich dich nicht sehe – siehst Du mich auch nicht!

Manchmal wünsche ich mir, unsichtbar zu sein und verschließe die Augen. Wenn ich die anderen nicht mehr sehe, dann kann ich ganz für mich sein. Dann muss ich mich nicht mit Ihnen streiten, muss mir nicht anhören, was sie alles noch mit mir vorhaben. Wie gut ich das eine oder das andere könnte, wenn ich mir doch nur mehr Mühe geben würde...
Ich hebe die Hände vor mein Gesicht und bin allein … und gleichzeitig einsam. Niemand, der mich zutextet und niemand der mir zuhört.
Außer Gott. Jahreslosung 2023: Du siehst mich. Ich erinnere mich an den Kirchentag 2017 in Berlin – da war die Losung die Gleiche und ich erinnere mich an den Menschen, der diese Worte zuerst gesagt hat und erfahren hat – wenn alle anderen weg sind, dann ist Gott da und sieht mich mit dem ganzen Beipackzettel – mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Und das hilft.

Hagar, so heißt dieser Mensch. Geflohen ist sie in die Wüste vor dem Streit, der zuhause die Luft so dick gemacht hat, dass sie nicht mehr atmen konnte. Aber in der Wüste ist es auch nicht besser, sie ist allein, bei sich hat sie nur ihr Baby. Sie kann nicht mehr und setzt sich auf den Boden. Ungerechtigkeit, Erschöpfung, Schuld steht auf ihrem Beipackzettel. Und genau dort hört sie eine Stimme: „Wo kommst du her und wo willst du hin?“ Als sie sich umdreht – steht da ein Engel - von Gott zu ihr geschickt und sie lernt: Du bist ein Gott, der mich sieht.

Gott traut sich hinzugucken, wenn andere die Augen verschließen vor den großen Tiefen im Leben. Und oft, merke ich, braucht es genau das. Nicht nur Ratschläge, nicht nur gut gemeinte Hilfen, sondern die ernstgemeinte Frage: „Wo kommst du her und wo willst du hin?“ und jemanden, der mit mir nach der Antwort sucht. Das ist Gott, aber nicht nur: Das bist auch Du, das seid ihr, für Euch und für uns. Glauben in der Welt voller Ungerechtigkeit, Erschöpfung, Schuld und dann starten wir neu…

von Leonie Grüning